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Die Provençalin

Leseprobe - 13. Kapitel (Die Schlacht von Pavia)

1525
Wieder hatte sich das Waffenglück gewendet. Der Herzog von Bourbon hatte Marseille nicht erobern können, und der Kaiser traf nicht mit seinem Heer aus Spanien ein. Vielleicht wollte er François gar nicht vernichten. Auch aus England setzte keine Armee über, und Hilfsgelder trafen ebenfalls nicht ein.

 

Dafür hatte der französische König in Ruhe seine Ritter und Söldner sammeln können und zog nun nach Süden, seinem ehemaligen Konnetabel entgegen, dessen Männer immer mehr den Mut verloren. Zudem näherte sich der Winter, und im Winter ließ man für gewöhnlich den Krieg ruhen. Im Winter litten die Soldaten unter Regen und Kälte, Krankheiten breiteten sich aus, es gab weniger zu essen, viele Wege waren aufgeweicht, die Wagen kamen kaum voran, auch nicht die Kanonen, das Pulver wurde naß, und die Pferde blieben im Morast stecken. Im Winter schlug man besser keine Schlachten.
François rückte heran, und Charles de Bourbon mußte mit seinem Heer wieder nach Italien zurückweichen. Der König erschien in Aix und forderte auch die Ritter der Provence auf, ihm Waffendienst zu leisten. Jean Maynier und Raymond, froh über die Entwicklung der Dinge, schlossen sich ihm an, und noch im Herbst wälzte sich das französische Heer über den Montgenèvre nach Italien.
Die kaiserliche Armee war geschwächt. Ein Drittel ihrer Soldaten hatte sich davongemacht. Bourbon gab das schlecht befestigte Mailand kampflos auf. Der König triumphierte. Jean Maynier und Raymond lachten, wenn sie sich begegneten: Ihre Entscheidung war richtig gewesen. Ein zweites Marignano winkte, und diesmal waren beide dabei. Der Feind hatte sich nach Pavia und Lodi zurückgezogen und dort verschanzt. Bourbon eilte nach Deutschland, um Söldner anzuwerben, jetzt blieben nur noch die spanischen Befehlshaber mit den Resten entmutigter Söldnerhaufen.
François hatte die Frauen in Frankreich zurückgelassen, und sofort, das sah man, gewann er die Siegesgewißheit eines Cäsars zurück. Der Bezwinger der Helvetier befehligte diesmal seine einstigen Gegner, und hinter ihm standen zudem Tausende von schwer gerüsteten Rittern, die Spitze des französischen Adels. Sie kämpften nicht um Golddukaten und Beute, sondern um Ehre, um die Krönung eines edlen Lebens, um den Ruhm ihres Herrsches und die Größe Frankreichs. Ihre geballte Streitmacht würde die kaiserliche Armee erneut schlagen, nein, nicht nur schlagen -: zermalmen, und Mailand würde für immer französisch sein.
Die Franzosen kümmerten sich nicht um Lodi, wohin sich die Hauptmacht der Gegner zurückgezogen hatte, sondern begannen, Pavia zu belagern und zu beschießen. Nach drei Tagen war die Bresche so groß, daß man einen Angriff wagte. Doch die Verteidiger der Stadt hatten ein zweites Bollwerk gezogen und schlugen die Franzosen zurück.
"Gut", sagte der König, "dann hungern wir sie eben aus."
Er war sich seiner Sache sicher, und Jean Maynier wie Raymond, immer in seiner Nähe, vertrauten ihm. Der König wagte sogar, einen Teil seiner Armee nach Neapel zu schicken, um so den Feind abzulenken und schließlich ganz Italien zu erobern. Noch blieben genug Soldaten, um Pavia zu erobern, sich danach Lodi vorzunehmen und den Kaiserlichen mitsamt ihren Verbündeten eine Lehre zu erteilen, die sie nie vergessen würden. Was machte es schon, daß Bourbon, schneller als erwartet, aus Deutschland zurückkehrte und mit fünfzehntausend mit Fuggergeld bezahlten Landsknechten, die Ritter nicht gerechnet, in Lodi einrückte? Stand nicht François noch immer an der Spitze einer Armee, in der sich die besten Soldaten versammelt hatten? Brannten nicht die edelsten Ritter Frankreichs darauf, endlich ihre in vielen Turnieren und Kampfspielen erprobte Stärke anwenden zu können?

Die heftigen Regenfälle des Winters setzten ein. Der Ticino schwoll an und wurde unpassierbar, Pavia konnte zu dieser Jahreszeit nicht mehr erobert werden.
Gut, dann überließ man die Verteidiger der Kälte, dem Hunger und den Seuchen. Der König war wohlversorgt und konnte warten. Er hatte sich mit seinem Heer im Park Mirabello eingerichtet, der Pavia nordöstlich begrenzte, umgeben und geschützt von einer hohen Mauer, dreißigtausend Mann mit einem Troß aus vierzigtausend Menschen, eine Zeltstadt gegenüber der Steinstadt, - in der man schon Hunde aß und Dachstühle als Brennmaterial benützte. Der Belagerungsring war weitgehend dicht, die Kaiserlichen aus Lodi wagten keinen Angriff, sondern scharmützelten nur. Es konnte nur eine Frage von Tagen sein, daß sich jetzt, Ende Februar, die Garnison von Pavia ergab und anschließend der Sieg in einer Entscheidungsschlacht erzwungen wurde.
Raymond hatte sich in dem feucht-nebligen Wetter einen hartnäckigen Husten geholt, mit einem leichten Fieber, er fühlte sich geschwächt und begann, erste Zweifel an der Taktik des Königs zu äußern. Jean Maynier, der trotz des elenden Wetters gesund geblieben war und täglich Lanzenstechen, Schwertkampf und Bogenschießen trainierte, widersprach ihm. Sollte man unnötig Blut vergießen?
"Denk an Marignano! Alle haben sie François den Untergang vorausgesagt, und was geschah? Ein Sieg wie bei Issos. Und jetzt folgt Gaugamela!"
"Aber selbst Alexander unterlag dem Fieber, und wenn der Frühling nicht bald kommt, werden mir die Kräfte schwinden." Wie zur Bestätigung seiner Worte nahm ihm ein Hustenanfall die Luft, und er mußte sich niederlegen. "Täglich sterben mehr Soldaten an Krankheiten, und die Stimmung ist schlecht."
"Die Stimmung ist gut. Wir Ritter fiebern dem Kampf entgegen. Den Kaiserlichen dagegen laufen die Söldner weg, und wenn die Garnison in Pavia erst alle Hunde und Katzen aufgefressen hat, wird sie sich ergeben."
Als Raymond erneut von Husten und Atemnot geschüttelt wurde, zog sich Jean Maynier in sein Zelt zurück, inspizierte noch einmal seine Waffen, betrachtete mit Stolz nicht nur seinen Kampfharnisch, sondern auch noch den Prunkharnisch des Cesare Borgia, den er nicht gescheut hatte mitzunehmen. Er gab schließlich seinen Kampfrössern eigenhändig Hafer und ermahnte seine Begleiter, sich allzeit bereit zu halten.
Unwirsches Grunzen war die Antwort.

Die Nacht war schwarz, kein Stern zu sehen, kein Mond, der das Lager hätte beleuchten können. Nur zunehmender Nebel, kriechende Feuchtigkeit über dem schlammigen Boden, ermüdende Kälte. Jean Maynier hatte sich schlafen gelegt, wachte aber plötzlich auf, ohne zu wissen, wovon. Draußen hörte er einen seltsamen Lärm, dumpfe Schläge, halb vom Nebel verschluckt. Er trat vor sein Zelt und weckte seine Soldaten. Er begegnete anderen Rittern, die mit ihren Fackeln ganz plötzlich aus der schwarzgrauen Suppe auftauchten und ebenso schnell wieder verschwanden. Auch der König sei aufgewacht, hörte er, aber niemand wisse, was eigentlich geschehe. Vielleicht hätten die Kaiserlichen irgendwo einen Spähtrupp vorgeschickt oder mit den Schweizern, die außerhalb des Parks lagerten, ein Scharmützel begonnen. Das Übliche wahrscheinlich. Ablenkungsmanöver.
Trotzdem wurde ein Aufklärungstrupp losgeschickt. Aber die Nacht blieb undurchdringlich. Nur der Lärm außerhalb der Mauern nahm zu, er kam jetzt von allen Seiten. Unmöglich, daß die Kaiserlichen unter diesen Bedingungen angriffen, zudem noch in der Nacht. Trotzdem wurden die Männer nervöser, an Schlaf war nicht mehr zu denken, und wer noch bei einer Hure lag, mußte fluchend abbrechen und seine Kleider und Waffen suchen.
"Der König legt die Rüstung an, der König läßt satteln", hörte Jean Maynier rufen. Er rannte in Raymonds Zelt. Auch Raymond war aufgewacht und saß auf seiner Pritsche, von fiebrigem Frost geschüttelt.
"Laß dir die Rüstung anlegen, draußen tut sich etwas."
Raymond starrte mißmutig auf den Boden. "Was tut sich?"
"Hörst du denn nichts?"
"Natürlich höre ich den Lärm. Aber sind wir nicht umgeben von einer starken Mauer? Und wollen die Kaiserlichen in der Nacht kämpfen? Wenn der Tag anbricht, werden wir sehen, was sie vorhaben!"
Jean Maynier stürzte wütend aus dem Zelt. Nun überall Fackeln, herumirrende Soldaten, Pferde. Dazwischen Helfer, Knappen, halbnackte Frauen und allerlei zwielichtiges Gesindel. Geschrei der Troßleute. Befehle. Nervöses Wiehern. Rüstungen wurden angelegt. Jean Maynier fand seine Soldaten. Die Bogenschützen hatten den Brustpanzer schon umgeschnallt, die Schwerter und Messer waren gegürtet. Auch war eins seiner beiden Kampfpferde gesattelt und trug seinen Schutzpanzer. Jean Maynier war zufrieden und redete dem Pferd beruhigend zu. Er konnte kaum die Gesichter seiner Männer erkennen, aber sie schienen voller Tatendurst zu sein. Auch ihm wurde nun sein neuer Kampfharnisch angelegt, und schließlich hob man ihn auf sein Pferd.
Noch immer war die Nacht nicht zuende, der Lärm, der über die Mauer schallte, hatte sogar zugenommen, aber niemand wußte, was eigentlich geschah, geschehen sollte. Befehle wurden gebrüllt, Fluchen, aufgeregtes Geschrei. Manche stopften sich ein Stück Brot in den Mund, schütteten Wasser oder Wein hinterher. Viele hockten sich um die Lagerfeuer, um ihre Knochen noch ein wenig zu wärmen.
Und was tat der König?
Jean Maynier wartete. Er fühlte die Kälte und die Feuchtigkeit nicht, er fühlte die Kraft seiner Arme, die Klarheit seines Kopfes, er wußte, er würde kämpfen, kämpfen und siegen. Einer seiner Leute, der junge Holzfäller, der dem gegnerischen Ritter den Hals durchschneiden sollte, prüfte die Schärfe seiner Klinge. Außerdem trug er als Waffe ein Beil.
"Am besten unter dem Kehlstück durch, und kein Erbarmen", rief Jean Maynier, "die Burschen sollen dich decken, wenn du den Panzer knackst."
Die beiden Burschen zitterten vor Angst.
"Haltet mir auf jeden Fall den Rücken frei und warnt mich, falls mich im Getümmel einer von hinten vom Pferd stoßen will. Achtet darauf, daß die Hellebardiere nicht dem Pferd die Sehnen durchschneiden und mich dann vom Sattel reißen. Und falls ich wirklich fallen sollte, sofort aufrichten! Auf die Messer achten! Der Gegner will mir ebenfalls an den Hals. Schnell sein! Nie zögern, immer zuerst stechen. Oben bleiben! Wer niedergetrampelt wird, hat keine Chance mehr. Und haltet Kontakt miteinander! Wir werden siegen, wir werden siegen." Seine Stimme wurde heiser.
"Wir können noch eine Runde würfeln, bevor es losgeht", sagte einer der Bogenschützen, "halte mal die Fackel, damit wir etwas sehen."
"Ich glaube, es wird hell", rief der ältere Bursche, der noch einmal den Harnisch des Pferdes prüfte, mit klappernden Zähnen.
"Dieser verdammte Nebel. Man wird nichts sehen."
Plötzlich zwei Kanonenschüsse.
"Jetzt wird es ernst!"
"O Herr, Maria, steht mir bei."
"Wo ist denn diese gottverfluchte Bande!"
"Wenn man wenigstens etwas erkennen würde!"
"Ich seh was!"
"Wahrscheinlich deine Mutter beim Scheißen!"
"Da bewegt sich jemand!"
"Ruhe, Ruhe, vielleicht kann man was hören!"

Inzwischen hatte sich das Durcheinander etwas gelegt, die französischen Kräfte sammelten sich. Der König stand mit der schweren Kavallerie bereit. Der Aufklärungstrupp aus leichter Kavallerie und Schweizern marschierte voran, noch immer, um zu erkunden, ob der Feind eine Bresche in die Mauer geschlagen habe und nun einzudringen versuche. Die Pikenkarrees der Landsknechte nahmen Formation an. Auch die leichte Reiterei, die Bogenschützen und die Arkebusenschützen formierten sich.
Unglücklicherweise campierte die Hauptmacht der Schweizer außerhalb der Mauern, aber sie waren schon benachrichtigt: Sie sollten verhindern, daß sich die Soldaten der Stadtgarnison mit denen des kaiserlichen Heeres vereinigten.
Langsam lichtete sich der Nebel, und plötzlich hörte man einen Schrei, der sich vertausendfachte.
Dort vorne, am Rand eines Wäldchens, schlich der Feind entlang. Er hatte tatsächlich eine Bresche in die Mauer geschlagen und versuchte nun, durch den Park hindurch zur Garnison zu gelangen. Der Feind versuchte, den Kampf mitten in das französische Lager zu tragen.
Den sollte er haben!
Der Aufklärungstrupp attackierte die in einer langen Kette hinschleichenden Kaiserlichen. Es waren spanische Arkebusenschützen und deutsche Landsknechte, vielleicht dreitausend Mann. Die leichte Kavallerie stürmte vor, die Schweizer mit gesenkten Spießen hinterher. Die ersten Schüsse fielen. Die Landsknechte suchten sich zu formieren, aber die französische Attacke war wirksam. Die Eindringlinge flohen nach Westen, dorthin, wo zwanzig französische Belagerungskanonen im Schlamm steckengeblieben waren.
"Ha! Jetzt rennen sie in ihr Verderben!"
Und tatsächlich begann die Artillerie zu schießen. Ja, die Kanoniere hatten die Lage schnell begriffen, die Eindringlinge wurden in die Zange genommen, da mochten die spanischen Hakenbüchsen so knallen, wie sie wollten, da mochten noch weitere Einheiten durch die Bresche eindringen, die Igelrücken der gegnerischen Schweizer sich senken, es half nichts, die Verwirrung bei den Kaiserlichen wurde immer stärker, man sah sie durcheinander laufen, kopflos fliehen.
Jean Maynier saß mit aufgeklapptem Visier auf seinem Pferd, neben sich seine Männer, ganz in der Nähe der König, der ebenfalls voller Begeisterung beobachtete, wie die Kanonen ihr Werk taten und das Chaos unter den Feinden zunahm. Arme und Köpfe flogen durch die Luft, die Splitter rissen ganze Gruppen zu Boden. Aber die spanischen Arkebusen trafen auch französische Pferde. Spieße sanken zu Boden, ohne daß sie den Feind erreichen konnten, Spieße des Königs, nicht des Kaisers. Schweizer kämpften gegen Schweizer, Landsknechte gegen Landsknechte, man konnte nur an kleinen Aufnähern über dem Herzen erkennen, wer Feind war und wer zur eigenen Truppe gehörte, man mußte sich durch Rufen zu erkennen geben.
"Soll das eine richtige Schlacht sein?" rief der König in die Runde. "Das ist doch keine Schlacht, das ist ein Kampfgeplänkel! Die kaiserlichen Pißpötte wollten nur unseren Nachtschlaf stören."
Lautes Gelächter folgte.
"Bourbon wollte besonders raffiniert sein und uns überraschen, aber die Mauer hat ihn zu lange aufgehalten, und jetzt rennen seine Männer in ihr Verderben."
"Es lebe König François!" rief Jean Maynier, "Pavia wird fallen, Lodi wird fallen, ganz Italien wird Frankreich gehören."
François hob lässig seinen linken Arm.
"Wir brauchen nur zuzusehen, wie die Kanonen sie in Stücke reißen", sagte einer der Ritter an der Seite des Königs, "wozu stehen wir hier eigentlich?"
Der König unter seinem riesigen Federbusch drehte sich mit knirschendem Eisen um, starrte den Ritter an, seine Augen funkelten. "Du hast recht. Sollen wir nur wie die Gaffer glotzen?" rief er seinen Rittern zu.
"Nein!" schallte es ihm entgegen.
"Wir greifen an", rief er, "die Kavallerie mit voller Macht voran, die Infanterie folgt im Schritt."
"Nur im Schritt?"
"Sie wird nichts mehr zu tun haben ... Meine Ritter -" Er hob den Arm mit seiner Lanze - "jetzt wird die Welt erleben, daß den französischen Ritter nichts aufhalten kann. Blast zum Angriff!"
Die Visiere wurden heruntergeklappt, Lanzen fest gepackt, die Zügel gelockert, die Sporen gegeben. Ein tausendfacher Schrei übertönte das dumpfe Donnern der Kanonen. Zuerst langsam, dann immer schneller setzten sich die stählernen Kampfrösser in Bewegung. Jean Maynier hörte noch einmal "Maria, steh uns bei!", dann fielen seine fünf Helfer zurück.
Vor ihm nur noch die stampfenden Pferde, die blitzende Eisenfront, gespickt mit Lanzen, der König voran, aber dicht neben und hinter ihm seine engsten Freunde, die Herzöge Frankreichs, direkt hinter ihm auch er, Jean Maynier, der Baron von Oppède, der Sohn des päpstlichen Legaten, er ritt mit seinem König in den Kampf, er ritt dem Ruhm entgegen.
Immer schneller bewegte sich die waffenstarrende Masse auf den Feind zu, der sich vor den Kanonenkugeln zu retten versuchte und sich nun der Eisenwalze der Kavallerie gegenüber sah.
Der König hatte in den Kampf eingegriffen. Der König war dem Feind entgegengeritten, dorthin, wo die Artillerie schwere Verwüstungen angerichtet hatte. Nun mußten die französischen Kanonen schweigen, sonst hätten sie den König getroffen. Der König wollte keinen Sieg ohne eigenen Anteil, ohne daß er selbst den Ruhm ernten konnte, der ihm gebührte. Der König wollte kämpfen.
Er wollte aber nicht nur kämpfen und siegen, er wollte den Feind vernichten. Als die Kaiserlichen begriffen, daß es nicht nur um Sieg oder Niederlage ging, sondern um Sieg oder Vernichtung, standen sie wieder, versuchten sich zu sammeln und Widerstand zu leisten.

Jean Maynier sieht durch die Schlitze seines Visiers das bewehrte Halsstück seines Pferdes. Kaum ragen die eisernen Ohren heraus. Die Lanze ist starr nach vorne gerichtet, er hält sie ruhig und kann sie gegen jeden Gegner richten. Neben ihm der stählerne Glanz einer anderen Rüstung. Er versucht, nach rechts zu schielen. Dort reitet der König, ein Hüne auf seinem Pferd, jeder muß ihn an seiner Größe erkennen und an seinem herrschaftlichen Federbusch. Vor ihnen nun die ersten Gegner, da zielt einer mit seiner Arkebuse auf sie, Spieße werden gegen die Pferde gerichtet, aber schon sind sie heran, schon wälzt die stählerne Front alles nieder, der König fegt einen gegnerischen Hauptmann vom Pferd, und Jean Mayniers Lanze rammt sich in die Brust eines Armbrustschützen, durchstößt sie wie ein dünnes Brett, und der zu Boden stürzende Körper reißt ihm die Lanze aus der Hand. Er zieht das Schwert aus der Scheide, die Pferde zerstampfen alles, was unten liegt, Todesschreie, wildes Wiehern, klirrende Eisen und spritzendes Blut.
Aber nun verlangsamt sich die Todeswalze. Kaum noch kämpfende Gegner zu sehen. Jean Maynier merkt, daß sein Pferd zu stolpern beginnt. Er reißt das Visier hoch, um die Lage zu erkunden.
Sie haben den Feind zerschmettert, der Sieg ist total. Es war noch nicht einmal ein richtiger Kampf. Aber die Pferde waten im Morast. Vor ihnen das Ufer eines Flüßchens, kein Weiterkommen. Mühsam wenden die Ritter ihre Rösser, versuchen, ein Wort des Königs zu vernehmen. Die Infanterie ist weit zurückgefallen.
"Jetzt bin ich wirklich der Herzog von Mailand!" ruft François, der König von Frankreich. Auch er hat sein Visier hochgeklappt. Der Marschall von Foix neben ihm ruft: "Nein, Sire, Ihr seid der Herrscher von ganz Italien. Der Kaiser ist geschlagen!"
Jean Maynier reckt seinen Arm in die Luft, reckt das Schwert in den noch immer grauen, nebelverhangenen Himmel. "Der Kaiser ist geschlagen", wiederholt er, und der König schaut herüber zu ihm, er muß ihn erkennen, er muß sich an das Turnier von Lourmarin erinnern, jetzt stehen sie Seite an Seite, Jean Maynier weiß, daß diese Schlacht in die Geschichte eingehen wird, nach Marignano Pavia, alles Zögern hat ein Ende, alle Fehlentscheidungen sind vergessen, die Weiberwirtschaft, François hat sein Gaugamela geschlagen und ein Weltreich erobert.
Die Pferde sinken immer tiefer in den Morast und können sich kaum noch bewegen. Jean Maynier sucht unter den fernen Infanteristen seine fünf Soldaten auszumachen, aber keiner hat schritthalten können, noch nicht einmal die jungen Burschen und der Holzfäller. Langsam versuchen sich die Pferde aus dem Morast zu befreien und zurückzustapfen.
Jean Maynier schaut sich um, ob er Raymond finden kann. Hat er ihn nicht in den hinteren Reihen gesehen? Oder hat er die Wappen verwechselt? Raymond ist nirgendwo zu sehen. Sollte er vom Pferd gerissen sein, sollte er in seiner fiebrigen Schwäche gar getötet worden sein?
"Raymond!" brüllt Jean Maynier, aber kein Raymond antwortet ihm.
"Wir reiten zurück, der Infanterie entgegen", ruft der König, "der Kampf ist vorbei."

In diesem Augenblick strömt den Rittern eine unübersehbare Soldatenschar entgegen.
"Was ist denn das?" Der König starrt verwundert nach vorne, auch Jean Maynier will es nicht glauben. Ist es die eigene Infanterie? Nein, die stolpert über den von Pferdehufen zerwühlten Boden und wird, wie er jetzt sehen kann, von deutschen Landsknechten in die Zange genommen. Der Schwarze Haufen, der berühmte Schwarze Haufen, der früher gegen Frankreich kämpfte, sich jetzt aber für Frankreich schlägt, Jean Maynier kann ihn genau erkennen, wird von zwei Seiten bedrängt. Und da stürzt schon die leichte Kavallerie der Kaiserlichen auf die Schweizer unter Fleuranges zu, die nun nicht mehr dem Schwarzen Haufen helfen können und auch ihnen, den Rittern, nicht mehr. Wo ist die eigene leichte Reiterei geblieben?
Jean Maynier erstarrt. Er kann nicht glauben, was er sieht. Vor lauter Entsetzen läßt er sein Visier oben. Er hat keine Lanze mehr, und vor ihnen richten tausend Arkebusen ihre Rohre auf sie, der König schreit, und schon übertönt das scharfe Knallen der Büchsen die Rufe und Befehle, Pulverdampf, ein Aufschrei unter den Rittern, wildes Wiehern und Aufbäumen der Pferde, es stürzen die schweren Rüstungen klirrend zu Boden, heftig schlagen die Hufe um sich, wer unter sein Pferd gerät, ist schon verloren, er wird zerquetscht.
Jean Maynier sitzt noch im Sattel, er wurde nicht getroffen, er gibt seinem Pferd die Sporen, nur raus hier, nur weg! Auch der König sitzt noch, der König ist das beste Angriffsziel, sein Helm ragt über die anderen Helme. Jetzt stürzen sich die Spanier auf sie, und wieder schlägt eine Salve ein, ohne daß sie sich wehren können, die Kugeln durchschlagen die Panzer, wieder stürzen Pferde und Reiter. Der Rest kommt nicht vom Fleck. Es nützt nichts. Nur ein paar Schritte voran, und schon sinkt man noch tiefer ein. Hilflos um sich schlagend steht die eisenglänzende Wehr der tapfersten Ritter Frankreichs, in ihrer Mitte der König, die Lanzen gerichtet, die Schwerter in der Hand.
Eine dritte Salve, und nun sind die Spanier heran. Wer vom Pferd stürzt, hat schon das Messer in der Kehle, oder die Arkebuse wird direkt an die Eisenschiene über der Hüfte angesetzt, der Schuß zerreißt den ganzen Unterleib. Wild treten die Pferde um sich, doch auch sie erledigt ein Schuß. Kein Panzer hilft, kein Kettenhemd und keine Tapferkeit.
Jean Maynier schlägt mit dem Schwert einem Spanier die Hand ab und spaltet ihm dann den Schädel. Die Pferde waten im Blut, sie treten auf die Toten, auf die Rüstungen. Tausend Spanier gegen fünfzig Ritter, die noch kämpfen können. Das Gedränge und Getümmel ist jetzt so dicht, daß die spanischen Arkebusen vor allem die eigenen Leute treffen, jeder will die gefallenen Ritter ausrauben, die Rüstungen mitschleppen, jeder will natürlich auch den König töten oder zumindest ein Stück seiner Rüstung an sich reißen, als Trophäe.
Besinnungslos schlägt Jean Maynier um sich. Sein Pferd ist verwundet, aber es kann sich noch bewegen und gehorcht ihm. Er kämpft sich an den König heran, der sein Schwert, trotz der schweren Rüstung, unglaublich schnell bewegt und die Spanier, die ihn vom Pferd reißen wollen, auf Abstand hält. Jetzt zielen sie auf den Kopf seines Pferdes, es bricht zusammen, Lanzen stechen auf den König ein, gleiten aber an der Rüstung ab, Messer blitzen, das Gewühle wird immer wilder, in seinem Todeskampf schlägt das Pferd des Königs mit allen Vieren um sich und zerschmettert zwei Angreifern die Knochen.
Wie ein Schwarm Aasgeier stürzen sich die Spanier nun auf den König, Jean Maynier reitet hinein, und es gelingt ihm, einen Rücken zu durchbohren, einen Kopf mit einem einzigen Schlag vom Rumpf zu trennen. Er hört den König rufen, um Hilfe schreien, er sieht noch einen der spanischen Hauptleute heranreiten, Lannoy muß es sein, und nun zerdehnt sich die Zeit, das Geschehen zerfällt, der Spanier brüllt seine Leute zurück, erfolglos, er läßt auf seine eigenen Leute schießen, er will den König lebend haben, er will ihn befreien, Jean Maynier wird plötzlich nach hinten gezogen, sein Pferd versucht sich aufzubäumen und sackt zusammen, er sieht das schwarze Loch einer Arkebuse auf sich gerichtet, wo ist sein Schwert, sein Blick reißt ins Graue des Himmels, fünf schreiende Gesichter, fünf aufgerissene Augenpaare, blutige Lippen über ihm, ein Messer gleitet neben dem Auge am Helm ab, noch immer knattern Schüsse, und ein blitzender Schmerz setzt seinem Bewußtsein ein Ende.

Der Himmel in einem milchigen Sonnenlicht.
Dann wieder undurchsichtig, schwarz, nichts mehr, ein Gleiten, ein Hinübergleiten und Bilder aus dem Luberon, sein Vater, von der Pest entstellt, die Mutter schon tot. Geräusche dringen an sein Ohr, spanische Laute, gurgelndes Röcheln. Wieder die milchige Scheibe der Sonne.
"O Gott, wo bin ich", versucht er zu formulieren, die Lippen bewegen sich, aber kein Laut läßt sich vernehmen, süßlicher Geschmack im Mund, warm noch neben ihm das Pferd, aus dem ein Blutstrahl sich über ihn ergießt, ja, er kann sich bewegen, er lebt, er lebt, "O Gott, verlaß mich nicht!"
Er kann flüstern. Dann wieder Schwärze. Und wieder die Sonne. Der Schmerz erst, als ein Plünderer auf ihn trampelt und ihm den Beinschutz ausziehen will. Er rührt sich nicht. Dann wieder ein Gleiten, ein Abgleiten, ein schmerzloses Hochschwingen, als würde die Seele den Körper verlassen und hinabschauen auf das Gemetzel, auf diese Blutkaskaden, die abgeschlagenen Glieder, abgetrennten Köpfe, auf die Gedärme, die den Pferden aus dem Leib gequollen sind.
War das ein Sieg? War das ein Hinterhalt? Wo kamen sie alle her? Hakenbüchsen gegen gepanzerte Ritter! Wie feige, wie unendlich feige! Ein elendes Sterben, unehrenhaft, ruhmlos, aus der Ferne vom Pferd geschossen.
Noch immer die milchige Sonne. Ein helles Leinentuch über dem Himmel, ein Leichentuch, durchstoßen von Schreien, von dem tierischen Gebrüll der tödlich Verletzten. Er weiß nicht mehr, wo er ist, ob er noch lebt, ob er Schmerzen verspürt oder nicht, was zu ihm gehört, was sein Blut ist und was das Blut seines Pferdes, ihn überschwemmen Bilder, er sieht Anne am Fenster stehen, sehnsüchtig hinausschauen, ihren weichen, runden Bauch, er sieht Madeleine am Weiher, den weißen Diana-Körper, die Kinder, Hand in Hand, Beatrice und Pierre, seinen Sohn, seinen einzigen Sohn, den Sohn, der nun ein Waise wird, ein Waise, wie er selbst, ein verlorenes Kind, der Vater in der Schlacht gefallen, der König gefallen, Gott hat sie in die Irre geführt und verlassen - und wieder nur milchiges Weiß, keine Sonne mehr, ein Schleier.
"Herr, laß mich am Leben", haucht er stimmlos, "laß mich für meinen Sohn am Leben, ich will dir alles opfern, ich will ein Krüppel sein, aber laß mich am Leben, ich bete für meinen Sohn, er ist das einzige, was du mir gelassen hast."
Der Schleier löst sich auf in eine schwebende Helligkeit, und wieder fühlt Jean Maynier sich davonschweben, hinein in einen tausendfachen Schrei, der langsam verhallt.




 
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