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Die Provençalin

Leseprobe - 1. Kapitel


1515
Der erste Pfeil hatte den Keiler nur leicht verletzt. Mit dem zweiten Pfeil mußte Jean Maynier, Baron d'Oppède, einen seiner besten Jagdhunde töten, nachdem die Hauer ihm den Bauch aufgerissen hatten. Aber nun wurde der Keiler auf eine kleine Lichtung getrieben und eingekreist.
Hechelnd verharrte das Tier, blutigen Schaum vor dem Maul. Jean Maynier spannte den Bogen, bis er zu brechen drohte. Seit Tagen schon jagte er den Keiler quer durch den Luberon, diesmal gab es für ihn kein Entrinnen mehr. Der Pfeil schwirrte von der Sehne, aber zu spät, einen Augenblick zu spät hatte er losgelassen. Der Keiler griff ihn an, der Pfeil steckte im Widerrist. Jean Maynier warf den Bogen zur Seite und riß den Sauspieß an sich, wollte ihn gegen das heranrennende Tier richten, reagierte aber zu spät, er konnte sich nur noch zur Seite werfen, gerade noch rechtzeitig. Einen winzigen Augenblick verharrte er Auge in Auge mit diesem schwarzen, wutschnaubenden Abgesandten des Teufels, dann hetzte der Keiler an ihm vorbei und entkam ins Dickicht.
Keuchend richtete Jean Maynier sich auf, starrte auf die zerknickten Zweige und stieß einen wilden Fluch aus. Auf dem Boden die Blutspur. Schweiß rann ihm in die Augen. Benommen betrachtete er die blutenden Kratzer an Armen und Beinen, fühlte aber keinen Schmerz. Aufbrüllend griff er nach dem Spieß und rammte ihn in den nächsten Baumstamm. Aber es nützte nichts, er hatte den Keiler nicht töten können, obwohl er ihn in seiner Jagdgier bis zur Erschöpfung verfolgt hatte. Daß der Keiler jetzt langsam verenden würde, irgendwo in einem Dornengestrüpp versteckt, mit zwei Pfeilen im Rücken, war nichts als Schmach und Erniedrigung für ihn, den Jäger.
Jean Maynier hob den Bogen auf, zog den Spieß aus dem Baumstamm und stapfte, die Hunde im Schlepptau, zu seinem Rappen, der nicht weit entfernt ruhig graste. Noch immer rann ihm der Schweiß übers Gesicht, und Durst plagte ihn. Er schwang sich in den Sattel und gab dem Pferd die Sporen.
Nach einem kurzen Ritt durch das Vallon du Châtaignier näherte er sich zwei großen grauen Felsbrocken, zwischen denen ein schmaler Pfad hinabführte einem im Wald versteckten Weiher. Vor längerer Zeit schon hatte er ihn gemeinsam mit seinem Jagdgenossen, Kommilitonen und Freund Raymond d'Agoult entdeckt, und seitdem suchte er ihn immer wieder auf, wenn er nach der Jagd Erfrischung oder auch nur Ruhe zum Nachdenken brauchte. Obwohl er einen halben Tagesritt von seinem Heimatort Oppède entfernt auf dem Gebiet der Agoults lag, in der Nähe von Lourmarin, war er sein Lieblingsort im ganzen Gebirgszug des Luberon geworden. Doch hatte er hier seit der gemeinsamen Entdeckung nie mehr eine Person aus der Familie der Agoults getroffen, auch nicht seinen Freund.
Zur Zeit war dies sowieso unmöglich, weil Raymond als schwerbewaffneter Ritter, in voller Rüstung und begleitet von einem guttrainierten Fußtrupp, mit dem König nach Italien zog, um Mailand zu erobern. Ja, im Gegensatz zu ihm war Raymond in der Lage, sich einen solchen Aufwand zu leisten. Als junger Herr von Lourmarin war er reich und konnte darauf hoffen, von François, dem jungen König, mit dem er eine Weile gemeinsam aufgezogen worden war, ein lukratives Amt zu erhalten und Ländereien, vielleicht sogar in dem kultivierten Italien, von dem alle schwärmten.
Jean Maynier band sein Pferd an einen Baum, riß sich seine Jagdkleidung vom Leib und stürzte sich ins Wasser. Ein paar Schwimmzüge lang tauchte er unter, schwamm dann prustend bis zum anderen Ufer und paddelte anschließend gemächlich zurück. Über ihm der Himmel in einem klaren Blau, die große Kastanie streckte ihre Äste weit ins flirrende Licht. Erfrischt von der Abkühlung, fühlte er seine Kräfte zurückkehren. Und auch die Wut verschwand. Niemand wußte von seiner Niederlage, zu beichten gab es nichts. Beim nächsten Keiler würde er nicht mehr zögern, er würde seinen Spieß ihm bis ins Herz rammen und ihn zur Hölle schicken, ohne Gnade.
Er ließ sich auf dem Wasser treiben und genoß die weiche Stimmung des späten Nachmittags. Er fühlte wieder die Stärke seiner zwanzig Jahre. Zwar konnte er sich nicht mit der Eleganz Raymonds messen, aber an Kraft übertraf er ihn bei weitem. Einmal hatte ihm Raymond seinen Harnisch leihen wollen. Es war ihm nicht gelungen, ihn anzulegen, weder Schultern noch Brust ließen sich hineinpressen.
"Du hast eine Brust wie ein Stier", hatte Raymond bewundernd bemerkt, aber dann noch angefügt: "Bietest aber auch den Lanzen des Gegners ein größeres Ziel." Und dann hatte er gelacht.
Plötzlich hörte Jean Maynier vom anderen Ufer her ein Knacken. Er wagte kaum zu atmen, ließ sich langsam unter einen überhängenden Zweig treiben. Vielleicht doch noch unvermutetes Jagdglück? Nein, Stimmen drangen herüber, weibliche Stimmen, von Beerensammlerinnen wahrscheinlich, Frauen und Mädchen aus den Dörfern der Agoults, die sich bis hierhin verirrt hatten. Auf den Wegen und an den Feldrändern begegnete er ihnen gelegentlich, aber selten blickte er in freundliche Gesichter. Schuldbewußt beugten sie ihr Haupt oder wandten sich ängstlich ab, - als hätte er den bösen Blick, als wollte er sie ins nächste Gebüsch zerren wie ein ausgehungerter Landsknecht, als wäre er einer von dem Raubrittergesindel aus den Bergen der Montagne de Lure, er, Jean Maynier, Baron d'Oppède, der Sohn des viel zu früh verstorbenen Accurse Maynier, des päpstlichen Gesandten in Venedig! Diese armseligen Waldenser, die auf verlauste Wanderprediger hörten, auf ketzerische Heimlichtuer, sie drehten ihm dem Rücken zu, bückten sich, als wollten sie etwas aufheben, er kannte sie, die Vollkommenen, die sich über andere Menschen erhaben fühlten ...
Helles, fröhliches Lachen! Durch das Unterholz brach eine Gruppe junger Mädchen in langen luftigen Gewändern, sie umringten eine Frau von siebzehn oder achtzehn Jahren, die sich nun die Spangen aus ihrem braunen Haar nahm. Lockig fiel es ihr über die Schultern. Ein Mädchen griff nach einer Schlaufe, ein anderes öffnete den Gürtel, sie streiften ihr tatsächlich das Kleid ab, die Riemen an den Sandalen wurden gelöst. Nun stand sie nackt am Ufer. Alle kicherten sie und schauten sich vorsichtig um, streiften ebenfalls ihre Kleider ab. Die junge Frau fuhr mit ihren Händen in ihre Haare, schüttelte lustvoll den Kopf, und die Mähne legte sich über Rücken und Brust.
Jean Maynier hielt die Luft an und drückte sich noch tiefer unter die Zweige. Er schielte nach seinen Pferd, das zum Glück hinter einem Baum graste, und zischte den Hunden zu, auf ihrem Platz zu bleiben. Aufrecht saßen sie auf ihren Hinterpfoten und beobachteten genau, was sich am gegenüberliegenden Ufer abspielte.
Die Nacktheit blendete ihn. Ein Teil der Mädchen plantschte schon im Wasser, nur die Herrin stand noch, ein Bein leicht angewinkelt. Ihm war inzwischen klar, wer ihn so blendete: Madeleine d'Agoult, Raymonds Schwester, die schöne Madeleine, wie jeder sie nannte, die Großnichte des Marschalls von Trivulce und künftige Erbin von Cental. Mit ihrem Bruder gehörte sie zu einer der reichen Adelsfamilien, die die Fremden aus dem Piemont hergerufen hatten, das Waldenserpack, diese häretische Pest.
Einmal, als er mit Raymond von der Jagd zurückgekehrt war nach Lourmarin, hatte er Madeleine über den Hof huschen sehen. Später stellte Raymond sie ihm vor, und er durfte mit ihr ein paar Worte wechseln. Damals war sie noch jünger, eine Rosenknospe, aber heute war sie voll erblüht, eine Frau, die auf ihre Bestimmung wartete.
Vorsichtig steckte sie ihren Zeh ins Wasser und sprang zurück, als ihre Dienerinnen sie naßspritzen wollten.
Jean Maynier, gefangen von dem Anblick, suchte nach Worten für ihre Schönheit: Wie die Morgenröte brachte sie Licht in das Dunkel des Waldes, ihr Leib wie Elfenbein, die Haut wie Pfirsich, und Taubenaugen, runde, weiche Hüften hatte sie, die festen Schenkel von Susanna, von Bathseba, Brüste wie die Zwillinge der Gazellen ... Er suchte nach weiteren Vergleichen, fand keine. Eine Göttin war sie, Diana ...
Madeleine stürzte sich nun in den Weiher, juchzte auf, das Geplätscher und helle Lachen verstärkten sich.
Was sollte er tun, wenn die Hunde anschlugen? Sollte er aus dem Wasser steigen, nackt wie Adam, und die schöne Madeleine bis auf den Tod erschrecken? Würde sie aufschreien, fliehen, ihn verfluchen? Würde sie sich rächen wollen und ihm ihren Bruder auf den Hals hetzen? Nein, den Bruder sicher nicht, denn er marschierte zur Zeit auf Mailand zu. Vielleicht ihren Cousin Louis?
Jean Maynier mußte ein Auflachen unterdrücken. Louis de Bouliers, wie er selbst Studiosus in Aix, war zwar Herr über La Tour d'Aigues und reiche Ländereien im fruchtbaren Süden des Luberon, aber als Frauenrächer denkbar ungeeignet. Wenn er wollte, könnte er Louis mit einem Schlag zu Boden strecken. Woran er aber nicht dachte, denn als Waffenbrüder des Geistes hockten sie gemeinsam in den juristischen Vorlesungen, repetierten abends ihre Skripte und gingen anschließend noch einen Becher Wein trinken in der Weißen Lilie. Vergnügten sich sogar gemeinsam im Badehaus der Rue Saint Jacques. Louis war kein Kämpfer, aber ein netter Kumpan. Genauso wie der meist fröhliche Raymond ein netter Kumpan war und sich zum Beispiel nie damit brüstete, daß die Grafen d'Agoult seit Jahrhunderten in der Provence ansässig waren und geholfen hatten, sie von den Sarazenen zu befreien - uraltes Blut im Vergleich zum Blut seiner Familie, die die Baronie von Oppède erst von Papst Alexander VI. erhalten hatte.
Die Mädchen stiegen wieder aus dem Wasser. Die schöne Madeleine wurde sorgsam abgetrocknet. Sie setzte sich auf einen Baumstamm, und eine ihrer Gespielinnen reinigte ihre Füße, eine andere kämmte die nassen Locken. Die nackten Körper wurden nun wieder von den Gewändern bedeckt, die Haare hochgesteckt, Zöpfe geflochten, und das lustige Geschnatter und Gekicher hörte nicht auf. Jean Maynier merkte, wie ihm kalt wurde, aber er wagte sich nicht zu rühren. Niemand durfte ihn entdecken, das Geheimnis dieser süßen Augenweide mußte er für sich behalten. Die schöne Madeleine. Die reiche Madeleine. Madeleine und Jean Maynier. Madeleine Maynier, Baronesse d'Oppède. Die Mutter vieler Söhne. Die Gattin des Herrschers über den Luberon. Mochten seine Eltern auch nicht mehr leben, seine Studien beider Rechte machten Fortschritte, die Professoren betrachteten wohlwollend seine Leistungen, er war nicht nur stärker als der mickrig geratene Louis, sondern lernte auch schneller. Vielleicht würde er später einmal die lange Robe anziehen und Recht sprechen am Obersten Gerichtshof der Provence. Oder in der kurzen Robe einer der Heerführer des Königs werden.
Zwischen seinen Brauen bildete sich eine tiefe Falte. Er, dessen Schwerthieb einen Baumstamm durchtrennte, der sein Pferd beherrschte wie kein zweiter und mit der Lanze jeden Gegner aus dem Sattel gehoben hätte, er hatte als Ritter dem König nicht nach Italien folgen können, um sich dort zu bewähren und Ruhm zu ernten. Und trotzdem würde ihm die Zukunft offenstehen. Sie mußte ihm offenstehen! Warum sollte er also nicht die schöne Madeleine begehren?
Er konnte sich nicht sattsehen an den langen, weichen Haaren, an dem heiteren Gesicht, an der glatten Haut. Eine solche Frau mußte gesunde Söhne gebären. Und mußte, auch wenn dies vor Gott vielleicht nicht wohlgefällig war, im Bett Freude bereiten. Heiratete er sie, wäre er Raymonds Schwager und angeheirateter Cousin von Louis - sie wären die drei Brüder aus dem Luberon und stark in ihrer Gemeinsamkeit. Der eine würde Erster Präsident des Obersten Gerichtshofs von Paris, der andere Konnetabel, oberster Heerführer, und der dritte Kanzler von Frankreich. Die Triumvirn aus dem Luberon würden das Königreich beherrschen!
Sein Körper zitterte inzwischen vor Kälte, und die Hunde begannen, leise zu jaulen. Der Rappe rupfte ungerührt die Gräser am Rande des Wassers. Am gegenüberliegenden Ufer war es ruhiger geworden. Er sah die fröhlichen Mädchen nicht mehr, hörte sie aber noch im Walde tollen.
Endlich konnte er das Wasser verlassen.
Er schob seinen Körper zum Ufer und mußte sich der Hunde erwehren, die an ihm hochsprangen. Schnell schlüpfte er in seine Kleider. Er merkte erst jetzt, wie zerrissen und schmutzig sein Jagdkittel war. Als er sich aufs Pferd schwingen sollte, warf er noch einmal einen Blick zum anderen Ufer hinüber.
Da stand sie plötzlich, die schöne Madeleine, die Göttin, stand allein zwischen zwei mächtigen Baumstämmen, ihr bis zum Boden reichendes Gewand unter dem Busen zusammengebunden, die Haare hochgesteckt, die Arme frei - und schaute zu ihm herüber. Sein Atem stockte.
Kurz hob sie die Hand und verschwand im Dunkel des Waldes.
Sie hatte ihn gegrüßt, sie hatte ihm gewunken! Daran gab es keinen Zweifel. Und hatte sie ihn erkannt? Sie mußte ihn erkannt haben, den Freund ihres Bruders. Aber sie mußte ihn auch ohne Kleidung gesehen haben. Triefend vor Nässe, mit haariger Brust und ohne Lendenschurz. Sie waren sich, wie das erste Menschenpaar, nackt begegnet, im paradiesischen Zustand, und hatten einander erkannt!
Jean Maynier stand neben seinem Pferd, er starrte auf den dunklen Schatten des Waldes, in dem Madeleine verschwunden war, und wußte, er war seiner Liebe, seinem Schicksal begegnet.



 
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