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Der provençalische Himmel


Leseprobe - 1. Kapitel

Paradou

Eine unsichtbare Bedrohung zog über den grenzenlos offenen Himmel. Gleichzeitig suchte der Mistral die Provence heim: Mit einer Luft aus Eiskristallen rauschte er durch den Kirschgarten, bog die Zypressen nieder und raubte den Menschen den Schlaf. Der Mond stand im Zenit, die Montagne Sainte-Victoire ragte in den Himmel, ihr gezackter Kalkstein leuchtete wie nächtlicher Schnee.


  

Es war die Nacht zum ersten Mai. Beate Reich entstieg in Aix-en-Provence dem Zug und machte sich, da kein Taxi zu sehen war, in einer Stimmung aus Entschlossenheit und Übermut auf den Weg nach Paradou. Die zwölf Kilometer Fußmarsch über die Route Cézanne schreckten sie nicht. Hamburg hatte sie zurückgelassen, von den erloschenen Augen ihres Kindes wollte sie endgültig Abschied nehmen und einen Neuanfang suchen.
Paradou, am Rande der kleinen Gemeinde Beaurecueil gelegen, war der Garten ihrer Kindheit. Eine Nachtigall, geschützt im dichten Ginsterbusch, hatte trotz des Sturms zu singen begonnen, eine zweite folgte ihr auf dem Hügel, der Paradou überragte. Auf diesem Hügel hatte Beate zum erstenmal Jacques geküßt. Eingerahmt von verwilderten Rosensträuchern, umgeben vom Thymianduft, Rosmarinnadeln zwischen den Fingern, saßen sie im Schatten der Pinien, ließen, schweigend, erregt und verwirrt, ihren Blick wandern über die stummen Felshieroglyphen der aufragenden Sainte-Victoire.
Beate erreichte mitten in der Nacht den Hügel und beschloß, trotz des eisigen Winds die Stunden bis zum Morgen auf der blanken Erde zu verbringen. Sie kroch in ihren Schlafsack und betrachtete durch den Rahmen der schwarzen Äste den schimmernden Berg. Auf dem Kamm, genau im Felseinschnitt des Saut du Diable, blinkte ein Licht. Dort oben hatte sie ihre Unschuld verloren, dort oben hatte der Unglücksweg begonnen, auf dem Jacques und sie eine Weile taumelten. Das Licht blinkte wie eine mahnende Erinnerung an das Vergangene und gleichzeitig wie ein ermutigendes Zeichen des Empfangs: Sie mußte all das Bedrohliche und Bedrängende ihres bisherigen Lebens hinter sich lassen, ein gesundes Kind auf die Welt bringen und es hier in ihrem Paradou, unter dem lächelnden Himmel der Provence, aufziehen, bis es stark genug war, die Gefährdungen des Lebens zu bestehen.
Als sie die Träne abtrocknete, die ihr über die Wange gelaufen war, hörte sie, mal weiter entfernt, mal näher, ein vielstimmiges Hundegebell, das der Mistral immer wieder verschluckte. Als der Wind kurz nachließ, näherte es sich dramatisch, und bevor sie sich besinnen konnte, war sie von einer Hundemeute umringt und hörte nun auch die rufende Stimme einer Frau. Trotz ihres zähnefletschenden Knurrens wedelten die Hunde mit dem Schwanz. Begütigend sprach sie auf sie ein, und ein Altersgrauer leckte ihr die Hand. Plötzlich war die Stimme ganz nah, eine Frau rief verzweifelt "Komm zurück, Jacques, komm zurück!". Beate suchte in dem Schattengewirr der Büsche nach dem Menschen, der da rief. Es konnte nur Simone Bernard sein, die Nachbarin, Jacques' Mutter.
Schon stand die alte Frau vor ihr und starrte sie an.
"Simone - ich bin es, Beate, erkennst du mich nicht mehr?"
Sie mußte sich der Hunde erwehren und erhob sich.
"Ich bin Beate!" rief sie ein zweites Mal und wollte die alte Frau umarmen.
Aber diese wich, die Augen aufgerissen, zurück, packte sie an den Schultern und schüttelte sie mit verzweifelter Kraft.
Eine panikartige Angst überfiel Beate, ein Entsetzen vor diesem wilden und kranken Wesen.
"Wo ist dein Bruder?"
Beate versuchte sich zu befreien.
"Du hast ihn auf dem Gewissen!" schrie die alte Frau.
"Jacques ist nicht mein Bruder, wir waren Spielkameraden, Freunde, früher ... Ich bin die Tochter von Hartmut und Luise Reich."
Die alte Frau hob die Hand, als wollte sie sie schlagen. "Ich kenne dich", schrie sie weiter, "du Hexe!"
Beate sprang zurück, der drohend erhobene Arm fiel leblos nach unten.
"Wo ist dein Vater?"
Hilflos zuckte Beate mit den Achseln. Gleichzeitig verstärkte sich die Panik. Im Spiel der dunklen Schatten erschien ihr das Gesicht der Frau ohne menschliches Maß, wie eine drohende Maske.
"Dein Vater!"
"Er wird schlafen, Simone, es ist Nacht."
"Er muß dafür bezahlen, was er mir angetan hat, ihr müßt alle dafür bezahlen."
Der Mistral zerrte an den weißen Haaren der Frau, die Hunde sprangen unruhig an ihr hoch.
"Du hast Jacques entführt!"
Beate merkte, wie Simone sie zum Abhang des Hügels drängte. Ein Schritt zurück, und sie würde stürzen. Simone war nicht die erste Verrückte, der sie begegnete. Ganz ruhig, beruhigend ...
"Dein Sohn ist bei der Fremdenlegion, das mußt du doch wissen, Simone, weit weg ..."
"Du hast ihn entführt."
Einen Augenblick dachte Beate: Sie ist gar nicht verrückt. Sie spielt dir etwas vor. Sie weiß genau, was sie dir sagen will.
Erneut stürzte sich die alte Frau auf sie und versuchte sie zu würgen. "Du hast ihn verführt!"
"Im Gegenteil, er hat mich ... mit Gewalt ...", preßte Beate hervor.
Simone ließ sie los. Der sich erneut verstärkende Sturm drückte die Äste zur Seite und ließ den Widerschein des Mondes voll auf ihr Gesicht fallen.
"Was glaubst du denn", rief Beate, "frag ihn doch, deinen Jacques!"
Simone trat zurück.
"Wo ist er? Warum ist er nicht hier?"
Hatte Simone wirklich nie begriffen, daß sie selbst ihren Sohn vertrieben, ja, zerstört hatte?
"Er ist vor dir geflohen!"
Wie von einer vernichtenden Erkenntnis getroffen, starrte die alte Frau sie an und stürzte mit einem gequälten Schrei davon.
"Jacques!" hörte Beate sie rufen, doch rasch übertönte der Mistral ihre Stimme. Die Hunde folgten ihr. Ein grauer blieb zwischen zwei Büschen stehen und blickte zurück. Dann verschwand auch er, wie die anderen, als hätte es ihn nie gegeben.
Beate schaute auf den von scharfen Lichtschnitten durchzogenen Garten, der Simone und ihre Hunde verschluckt hatte. Zitternd ließ sie sich auf den Boden gleiten. Das Heulen des Winds übertönte alles. Als der Mistral kurz aussetzte, als müsse er Atem holen, setzte der Gesang des Vogels von neuem ein - und plötzlich fiel, kurz und zerfetzt, ein Schuß. Beate wollte ihren Ohren nicht trauen. Kein brechender Ast - ein Schuß, ohne Zweifel, ganz in der Nähe. Vor ihr tanzten die Schatten im Sturm, die blendende Scheibe des Monds stand wie ein abweisender Fluchtpunkt im leergefegten Himmel. Sie lauschte, ob vielleicht ein zweiter Schuß ... aber nichts ... nur das Heulen des entfesselten Mistrals.



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